Andacht zum Sonntag Judika, 5. Sonntag in der Passionszeit 2020

Foto: Wodicka / epd bild

Zuhause bleiben zwischen: 

My home ist my castle (mein Zuhause ist mein Schloss) und Lagerkoller 

Oder gibt’s da noch etwas anderes?

 

„Wir bleiben zuhause“, ist das Gebot der Stunde. Überall sind diese Worte zu lesen. In einer Zeitung füllten sie neulich eine ganze Seite. Man solle sie als Plakat nutzen und ins Fenster hängen. Alle sollen sich daranhalten als wirksamste Maßnahme gegen die weitere Verbreitung des Coronavirus.
Ja, wir bleiben zuhause, jedenfalls die meisten. Mehr oder weniger freiwillig hüten wir die eigenen vier Wände. Einige erledigen Dinge, die man schon lange vor sich hergeschoben hat: Fenster putzen, Schrank reparieren, Steuererklärung machen…
Manche nehmen sich mehr Zeit zum Essen, miteinander Reden und erleben wohltuende Entschleunigung. Viele suchen Unterhaltung und Ablenkung vor dem Fernseher oder mit dem Handy.
Anderen fällt die Decke auf den Kopf. Kranke und Alleinlebende spüren ihre Einsamkeit und Abhängigkeit von Kontakten nach außen mehr denn je. Paare, Eltern und Kinder, die es schwer miteinander haben, können sich nicht mehr aus dem Weg gehen. Die Konflikte sind vorprogrammiert. Es knallt.
Wir alle sind auf einmal viel mehr auf uns selber zurückgeworfen. Wir müssen mit den Ängsten und Sorgen zurechtkommen, die die Coronakrise auslöst – und damit, dass wir eingeschränkt sind, nicht so handeln können, wie wir wollen.
Dagegen kennt das Coronavirus keine Grenzen.  Weltweit erkranken Menschen und wir kommen dieser Pandemie offensichtlich nur bei mit schärfsten Begrenzungen.
Ich will aber nicht begrenzt werden und Sie, liebe Leserin, lieber Leser, vermutlich auch nicht. Freie Menschen wollen wir sein; grenzenlose Möglichkeiten wollen wir haben: Flatrate, all inclusive, globaler Markt, globale Kommunikation – das sind die „Zauberworte“ unserer Zeit. Alles zu jederzeit grenzenlos zur Verfügung haben, ist für viele der Inbegriff eines erstrebenswerten Lebens.
Der Verfasser des Hebräerbriefes vertritt eine andere Sicht. Er schreibt (Hebr.13,12-14):
„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“
Hier ist nix mit „wir bleiben zuhause“, weil es nach Einschätzung des Schreibers gar kein Zuhause gibt, zumindest keines für immer.
Hier ist nix mit „grenzenlos“. So etwas Wichtiges wie ein Zuhause gibt es allenfalls auf Zeit: „wir haben hier keine bleibende Stadt“.
Alles, was an einem konkreten Ort für uns zum Zuhause, zur Heimat wird, gibt es dann nur begrenzt: Frieden, Geborgenheit, Sicherheit, gute Beziehungen, gute Arbeit, Gesundheit, Anerkennung.
Eine ernüchternde aber womöglich doch zutreffende Sicht auf unser Leben.
Die spannende Frage ist: wie gehen wir damit um?
Können wir mit Grenzen leben, ohne dabei unglücklich zu werden oder zu resignieren?
Der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer sagte einmal: „Es gibt ein erfülltes Leben, trotz vieler unerfüllter Wünsche.“
Sein Leben war begrenzt. Er war 39 Jahre alt, als er im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet wurde. Die letzten zwei Jahre verbrachte er eingesperrt in verschiedenen Gefängnissen. In ein paar Tagen, am 9. April, jährt sich sein Todestag. Sein mutiger Widerstand gegen das Nazi-Regime, seine Texte und Lieder sind aber bis heute unvergessen.
Erfülltes Leben trotz unerfüllter Wünsche.
Mit Leidenschaft sich einsetzen für eine menschenwürdigere Welt, die allen eine Bleibe ermöglicht (wenn auch nur auf Zeit) – und gleichzeitig wissen, dass das in dieser Welt nur begrenzt gelingen kann.
Mich beeindrucken Menschen, denen das gelingt.
Es sind Menschen, die nicht alles dransetzen müssen, ihren Lebenshunger zu stillen – immer und mit allem Möglichen. Es sind Menschen, die von dieser Welt nicht alles erwarten, sondern auch noch hoffen auf die zukünftige Stadt.
Jesus hat in verblüffender Weise einmal die Menschen glücklich genannt, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit (Mt.5,6). Er hat also diejenigen glücklich genannt, die den Mangel spüren, die sich nicht zufrieden geben können mit den Zuständen wie sie halt sind.
Er hat sie sogar „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ genannt (Mt.5,13.14). Sie sind offensichtlich wichtig – diese Menschen.
Jetzt in diesen Krisenzeiten macht die ganze Welt einen recht unwirtlichen, ja gar bedrohlichen Eindruck. Man sehnt sich nach einem Ort, wo man weder Ansteckung noch Krankheit noch Tod zu befürchten hat.
Ich wünsche mir, dass wir als Christen dazu beitragen, dass diese aktuell so befremdliche Welt eben doch „Herberge“ sein kann: ein Ort, wo gerade die Kranken, die Einsamen, die Ängstlichen und die Heimatlosen  Zuwendung und Hilfe erfahren; wo sie bleiben können. Gewiss, unsere Möglichkeiten sind begrenzt. Das sollte uns aber nicht davon abhalten, das zu tun, was geht, wozu wir Kraft und Begabung haben. Jede und jeder hat hier etwas beizutragen – auch Sie.


Ich wünsche mir auch, dass wir als Christen Suchende bleiben: Suchende nach der zukünftigen Stadt – nicht von Menschenhand zu machen, nur aus Gottes Hand zu empfangen.
Die Suche fängt in dieser Welt an – mit unserem Hunger und Durst nach Gerechtigkeit, mit unserem Einsatz für Frieden und Menschenfreundlichkeit. Sie führt uns aber weit über diese Welt hinaus, weil wir längst nicht alle Not wenden können und auf so viel Leid keine Antwort haben.
Der Seher Johannes hat uns in seinen Visionen Worte und Bilder gegeben für diese zukünftige Stadt. Er schreibt (Offbg.21,2-5):
„Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen….                                                                                                                      Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.                                                                                                   Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“
Diese Stadt gibt es noch nicht. Aber die Aussicht auf sie kann uns trösten: Gott ganz nah bei den Menschen. Gott, der mitten unter uns wohnen und bleiben will: in unseren Häusern und Wohnungen, in der Enge unseres Herzens, in unseren Ängsten und Sorgen.
So ist es möglich, dass wir uns auch in bedrohlichen Situationen beheimatet wissen.
Oder mit Worten Dietrich Bonhoeffers ausgedrückt, die er in seiner Gefängniszelle ein paar Monate vor seinem Tod verfasst hat: „Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ (EG 541)
Amen

Renate Meixner, Dekanin


Lied und Gebet (EG 589)
„Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht bringe ich vor dich.
Wandle sie in Weite: Herr, erbarme dich.
Meine ganze Ohnmacht, was mich beugt und lähmt, bringe ich vor dich:
Wandle sie in Stärke: Herr, erbarme dich.
Mein verlornes Zutraun, meine Ängstlichkeit bringe ich vor dich.
Wandle sie in Wärme: Herr, erbarme dich.
Meine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit bringe ich vor dich.
Wandle sie in Heimat: Herr, erbarme dich.“