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Andacht zu Pfingsten 2020

Foto: epd bild/Oettel

 

„O Heilger Geist,   
kehr bei uns ein
und lass uns
deine Wohnung sein…“

(EG 130)

 

Liebe Gemeinde,

Seit einigen Tagen schon spielte sich ihr ganzes Leben in den eigenen vier Wänden ab. Die Räume, in denen sie sich sonst ganz wohl fühlten, kamen ihnen mittlerweile zu eng und zu klein vor. Die Worte, die sie miteinander wechselten, wurden rarer – was gab es auch schon Neues auszutauschen? Der Ton unter ihnen war öfters gereizt. Keiner wusste, wie es weitergehen würde – und das machte Angst.                                                                                            
So ganz abgeschottet von der Außenwelt zu sein, tat ihnen nicht gut, aber den Schritt nach draußen zu machen oder Gäste einzuladen, war ihnen nicht möglich. Also blieben die Türen zu.
Was war passiert? War da jemand positiv auf das Corona-Virus getestet und mit seiner Familie in Quarantäne geschickt worden?
Die Beschreibung könnte passen, - aber es geht um eine ganz andere Situation, die etwa 2000 Jahre zurückliegt.     Es geht um Ostern: um die enorme Herausforderung für die Jünger und Jüngerinnen, an den lebendigen – nicht den toten Christus zu glauben. Genau gesagt, geht es um Ostern und um Pfingsten. Im Johannesevangelium wird uns das folgendermaßen  berichtet:

„Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!
Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.
Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch!
Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.
Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den heiligen Geist!
Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.“ (Joh. 20,19-23)

Verschlossene Türen kennen wir. Gerade in den letzten Monaten wurden viele Türen geschlossen: Türen von Schulen, Kindergärten, Geschäften, Heimen, Kirchen und Gemeindehäusern.  An manche Tür haben wir schon gar nicht mehr angeklopft, um niemanden in Gefahr zu bringen. – Und das alles wegen eines winzigen, unsichtbaren Etwas namens Covid 19.

Damals in Jerusalem sorgte nicht ein Virus für die verschlossenen Türen, sondern die Angst – auch so eine unsichtbare Kraft, die sich ausbreiten kann wie eine Krankheit.
Die Jüngerinnen und Jünger fürchteten, dasselbe Schicksal wie Jesus erleiden zu müssen. Sie hatten keinen Plan, wie es weitergehen würde. Alles, was ihnen Halt und Hoffnung gegeben hatte, war mit Jesu Tod weggebrochen.  Ohnmächtig fühlten sie sich und hilflos.

Auch das kennen wir: Vieles von dem, was wir für sicher und verlässlich hielten, worauf wir gebaut haben, ist durch die Corona-Krise weggebrochen oder hat zumindest massive Risse bekommen: die stabile wirtschaftliche Lage in einem der reichsten Länder dieser Erde, ein Gesundheitssystem, das in der Lage ist, mit Epidemien zurechtzukommen, das hohe Gut der Freiheit, zu entscheiden, was man für richtig hält…
Der Unternehmer, der seine Mitarbeitenden entlassen muss, die Frau, die ihren Vater im Heim nicht besuchen darf, die Mutter, die mit Job, Kindern und Home-Schooling überfordert ist – sie, wir alle erleben ganz unterschiedlich, wie uns diese Krise packt, wie sie uns verunsichert, ängstigt und ohnmächtig macht.
Ungeister treiben in solchen Zeiten gern ihr Unwesen. Ich meine damit die Verschwörungstheorien, die zurzeit kursieren.
Sie alle haben eines gemeinsam: es wird immer eine ganz bestimmte Personengruppe für die Krise verantwortlich gemacht: Bill Gates und die Weltgesundheitsorganisation oder Flüchtlinge, die das Virus bei uns eingeschleust haben oder die Regierung, die vom Satan besessen ist.
All diese Theorien geben einfache Erklärungen für Entwicklungen, die alles andere als einfach sind. Sie finden
die Schuldigen und die Sündenböcke immer bei den anderen.
Sie verschonen uns mit der schmerzlichen Wahrheit, dass es keine Sicherheiten gibt, schon gar keine selbstgemachten und materiellen – dass es oft keine einfachen Erklärungen gibt.
Wir sind in dieser Krise herausgefordert mit Unsicherheit und Ohnmacht leben zu lernen, mit Fragen, auf die es keine oder keine einfachen Antworten gibt – und das möglichst so, dass wir uns nicht hinter verschlossenen Türen verbarrikadieren.

Manchmal – oder sogar ziemlich oft – kommt man nicht alleine aus seiner Angst heraus. Die Tür, die ins Freie führt, können wir uns nicht immer selber öffnen. Dazu braucht es einen neuen und einen anderen Geist. Einen Geist, der aus Erstarrung löst, der Mut macht zu einem Leben mit Angst, mit Verunsicherung und Ohnmacht – Geist von Gott.
Die Jüngerinnen und Jünger damals haben etwas Wunderbares erlebt: dass der lebendige Christus ihnen trotz verschlossener Türen nahe kommt in ihrer Angst.       Da erwacht der Lebensgeist in ihnen und sie werden froh.

Ein gutes Wort bringt Jesus ihnen mit: „Friede sei mit euch!“
Friede den ängstlichen und aufgescheuchten Seelen – nicht, weil alles auf einmal gut ist, sondern weil einer da ist in der Enge ihrer Lebenswelt und frischen Wind hineinbringt: Geist von Gott- heiliger Geist. Jesus sagt: „Nehmt hin den heiligen Geist!“ Worte, die ich auch für uns heute höre, und zwar so:
Überlasst nicht den Ungeistern den Platz in eurem Denken und Fühlen. Schafft Platz für den Geist der Wahrheit. Vertraut darauf, dass er in euch und unter euch wirkt.

Der Geist der Wahrheit: er öffnet uns die Augen dafür, dass das Leben niemals eine sichere Nummer ist, sondern ein großes Abenteuer mit vielen Möglichkeiten, zu scheitern und zu gewinnen.
Der Geist der Wahrheit macht uns bewusst, dass es keine Sicherheiten gibt, wohl aber die Gewissheit, dass Gott uns findet durch verschlossene Türen hindurch und schaffen kann, dass aus Ängstlichen fröhliche Menschen werden – und aus Ohnmächtigen Bevollmächtigte.
„Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“, sagt Jesus – und weiter: „Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.“

Ich kann es vor meinem inneren Auge regelrecht sehen, wie sich diese ängstlichen Menschen hinter verschlossenen Türen wieder aufrichten, wie sie aufatmen und das Leuchten in ihren Augen zurückkommt. Sie haben einen Auftrag, nämlich Versöhnung zu stiften: Vergebung annehmen, selber vergeben, niemanden auf seine Schuld festnageln.
Ich sehe das auch für uns, liebe Gemeinde, für Sie und für mich. Gott kommt uns nahe, nicht mehr leibhaftig in Jesus Christus, unsichtbar, aber spürbar in der Kraft seines Geistes. Er findet hinein in unsere engen Herzen und unser kleinliches Denken, schenkt uns einen weiten Horizont.
Er schenkt uns jetzt in diesen Krisenzeiten Gelassenheit, macht uns erfinderisch, lässt uns freie Menschen sein trotz mancher Einschränkung.
Wir können die Welt nicht retten und auch das Coronavirus nicht aus der Welt schaffen.
Aber wir können und sollen dafür Sorge tragen, dass Versöhnung geschieht: dass keine Feindbilder aufgebaut werden, und stattdessen jeder Einzelne Verantwortung für das eigene Handeln übernimmt, für seine Taten und Untaten.
Wir sollen Menschen sein, die sich nicht mit einfachen Erklärungen zufriedengeben, sondern nach Wahrheit suchen und fragen. Dazu hilft uns der Geist der Wahrheit. Und die Verheißung steht:
„Ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen und werdet meine Zeugen sein.“ (Apg.1,8)
Amen


Dekanin Renate Meixner



Gebet

Heiliger Geist, du Lebensatem Gottes, komm – wir sehnen uns nach dir.
Erfülle unsere Herzen, nimm Wohnung in uns.
Richte unseren Glauben auf, wenn er gebrochen ist.
Entfache die Sehnsucht nach Wahrheit neu, wenn sie zu verglimmen droht.
Schenk uns das Glück der Versöhnung.
Stärke deine Kirche, dass sie glaubwürdig in Wort und Tat die Botschaft der Liebe Gottes verkündet.

Heiliger Geist, du Lebensatem Gottes, komm – wir sehnen uns nach dir.
Komm mit deiner Frische, damit die Enttäuschten und Resignierten wieder aufleben und Ziele haben.
Komm mit deinem Licht, damit wir in diesen unsicheren Zeiten Halt und Klarheit finden.
Komm mit deiner Barmherzigkeit, damit die Kranken Linderung erfahren und die Traurigen ein tröstendes Wort.
Komm mit deiner Liebe, damit diese Gemeinde zur Heimat wird für alle, die keine haben.
Komm mit deiner Leichtigkeit und Heiterkeit, damit wir auch in schweren Zeiten den Humor nicht verlieren.

Heiliger Geist, du Lebensatem Gottes, komm – wir sehnen uns nach dir.
Steck uns an mit deiner Kraft, wandle und erneuere uns und diese ganze Welt.