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Predigt zum Sonntag Exaudi (24. Mai 2020)


Liebe Gemeinde,


sie können und möchten nicht mehr warten. Wann haben Leid, Not und Elend endlich ein Ende? Wann gibt es einen Neuanfang nach der Katastrophe – wann wird das Leben wieder normal? So wie früher. Nicht eine schöngeredete ‚neue Normalität‘, sondern wann wird es endlich wieder so wie vor der Krise? Auf diese Zeit warten sie. Sie klagen Gott ihre Not und bitten ihn „Erneuere unsere Tage wie vordem“ (Klg. 5,21) – lass es wieder werden wie damals - vor der Katastrophe! Lass alles wieder gut werden! So mag es den Israeliten zur Zeit des Propheten Jeremia ergangen sein. Sie befanden sich in einer schweren Krise – in der Zeit des Exils. Jerusalem war zerstört, die Eliten nach Babylonien verschleppt. Es war für Viele kaum auszuhalten – das Warten wurde zur Qual. Und worauf warteten sie eigentlich? Würde es wieder so werden wie früher? Sie wissen nicht, wie und wohin es weitergehen soll. Und sie fühlen sich von Gott verlassen. Ja, manche haben sie noch: die Sehnsucht nach Wiederherstellung und die Hoffnung auf einen Neuanfang. Andere haben resigniert oder sind hart und wütend geworden.


Szenenwechsel ins Jahr 2020 zu uns. Auch wir befinden uns in einer Krise – die Menschen auf der ganzen Welt. Es ist eine andere Krise als die der Israeliten zur Zeit Jeremias. Diesmal sind es nicht, wie so oft auf unserer Welt Waffen und Kriege, die ins Elend geführt haben – diesmal hat uns ein kleines Virus im Griff. Mit den Augen nicht sichtbar, nicht greifbar. Sicherheiten sind zusammengebrochen – in so vielerlei Hinsicht: der sicher geglaubte Arbeitsplatz beispielsweise, und das Leben selbst zeigt sich als gefährdet und verletzbar, letztlich unverfügbar.


Schicksalsschläge und existentielle Krisen gibt es nicht erst seit Corona und wird es auch zukünftg geben. Immer wieder zieht es einem im Leben den Boden unter den Füßen weg – die meisten von uns haben das im Leben schon erleben müssen. Und wir können keinen, auch nicht die Kinder oder Enkel, davor bewahren.


Oft steht in solchen Zeiten die Welt für einen still. Immer wieder fragen wir dann auch ähnlich wie die Israeliten zur Zeit Jeremias: wann hat das alles ein Ende? Wann wird es wieder wie früher – oder wenn es schon nicht mehr wie früher wird, wann hört der Schmerz endlich auf? Wann müssen wir nicht mehr warten auf die Zeit, wenn wieder alles besser wird? Und gleichzeitig haben wir manchmal die Hoffnung aufgegeben: was soll denn besser werden, wenn beispielsweise der geliebte Mensch fehlt?


Auch in der Coronakrise fällt das Warten oft schwer. Die Kontaktbeschränkungen werden für Viele zur Qual – für ältere und einsame Menschen, aber auch für junge Menschen und Kinder.


Auch wenn es inzwischen schon viele Lockerungen gibt, fühlt sich Vieles noch lange nicht wie früher an. Nicht für die, die unter wirtschaftlichen Einbußen leiden und auch das soziale Leben auf Abstand und mit Mund-Nasen-Schutz ist ein anderes als vor der Krise. Die zerbrochenen Sicherheiten machen nach wie vor Angst. Und schon gar nicht ist es für diejenigen wie vor der Krise, die um einen verstorbenen Angehörigen trauern.


Bei einigen macht sich auch Unruhe und Ungeduld breit. Menschen demonstrieren gegen die Corona-Maßnahmen. Und neben verständlichen Fragen und Sorgen mischen sich da viele Tendenzen hinein, die beunruhigend und gefährlich sind: einfache und zu einfache Erklärungen, Schwarz-Weiß-Malereien, Verschwörungstheorien und Schuldzuweisungen, rechtsradikale Tendenzen und religiöse Deutungen, die klare und einfache – zu einfache - Erklärungsmuster bieten.



Warten fällt schwer – insbesondere dann, wenn man gar nicht so genau weiß, auf was man wartet: den Impfstoff, das Ende der Beschränkungen, dass alles wieder wird wie „vordem“, wie früher?


Wieder zur Zeit des Propheten Jeremias: hat Gott uns verlassen, so fragen die Menschen. Gibt es noch Hoffnung, oder werden Qual und Elend kein Ende haben?


Die Menschen warten auf ein Eingreifen Gottes, einen Neuanfang. Wird Gott für uns da sein, wie er damals auch bei seinem Volk in der Wüste war, ihm beigestanden ist in ihren Wüstenerfahrungen, in den Gefahren? „Vernimm o Gott, mein lautes Rufen. Sei mir gnädig und erhöre mich“, so heißt es in Psalm 27, von dem der heutige Sonntag seinen Namen hat – Exaudi – höre, erhöre mich. Es ist der Blick nach oben, ein hoffnungsvoller oder auch hadernder und verzweifelter Blick.  Es steckt ein tiefes Sehnen darin – die Sehnsucht danach, dass Gott sich uns zuwendet, dass er gegenwärtig, seine Nähe erfahrbar und spürbar ist - auch in Krisen und im Leid, dass er da ist und Not wenden kann.

Der Prophet Jeremia zeichnet in eine Situation hinein, in der es gar nicht nach Happy End aussieht, in der Jerusalem in Schutt und Trümmern liegt, große Hoffnungsbilder – so auch im heutigen Predigttext aus Jeremia 31 (Jeremia 31,31-34, Luther 2019): 


31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen,
32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr;
33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.
34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.


„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr.“ Jeremia macht Hoffnung: die Krise wird nicht das Ende sein. Gott ist treu – sein Weg mit euch geht weiter, ist auf Zukunft ausgelegt, Gott will mit euch in Beziehung bleiben, er will euer Gott sein und euch einen Neuanfang und Zukunft schenken!


Gott hält zu seinem Bund, den er mit den Menschen geschlossen hat, als er sie aus Ägypten in die Freiheit führte. Als er ihnen immer und immer wieder – durch die Wolkensäule am Tag und die Feuersäule in der Nacht, durch das Manna und das Wasser im Felsen –  zeigte, dass er es gut mit ihnen meint, sie nährt, stärkt, schützt und erquickt – selbst in Durststrecken, selbst in Wüstenwanderungen.


Gott hält an seinen Zusagen und Verheißungen fest: „sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein“, „Ich will ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken“. Von einem neuen Bund ist die Rede: Gott will nun sein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben. Er selbst will die Menschen verwandeln. Ich bin ein Gott des Lebens und ich möchte euch ins Herz schreiben, dass ihr euch angenommen und geliebt wissen dürft, dass ihr darum auch einander lieben könnt und Hoffnung haben dürft – auch wenn eure Welt gerade anders aussieht, wenn es viel Grund zur Sorge und Verzweiflung gibt oder wenn ihr nicht wisst, wie es weitergehen soll. Und ihr sollt wissen, dass ich immer für euch da bin, dass ich euch begleite und mein Weg mit euch nicht endet.


Siehe, es kommt die Zeit, sagt er den Menschen zur Zeit Jeremias und uns zu – und so zeichnet er inmitten von Zerstörung und Exil ein großes Hoffnungsbild: Die Katastrophe, die Krise ist nicht das Ende – schon gar nicht das Ende des Weges Gottes mit den Menschen. Damit kann der Predigttext unseren Horizont weiten.


Gott lädt uns ein zum Vertrauen, zum Vertrauen in seine Liebe. Die Liebe Gottes schenkt unserem Leben Zukunft und endet nicht dort, wo wir nicht mehr weiterwissen oder auch in Schuld verstrickt sind. Sie will uns auch – und gerade dort – tragen. Mich lädt der Text ein, auf den Weg Gottes mit dem Volk Israel und mit uns zu schauen, die alten Erzählungen wie Gott immer wieder neu für sein Volk da war, es befreit und begleitet hat, neu für mich zu entdecken. Und an diesem Sonntag zwischen Himmelfahrt und Pfingsten erinnere ich mich auch daran, dass wir, wie die Jünger getragen sein dürfen von der Hoffnung, dass Gottes Geist kommt, da ist und bei uns wirkt.  


„Es wird eine Zeit kommen“ heißt es im Predigttext – auch wenn wir noch darauf warten und wenn Gottes Verheißungen und Zusagen in der Spannung stehen, in der unser Glaube immer steht: in der Spannung zwischen dem ‚schon‘ und ‚noch nicht‘, so ist uns doch Hoffnung gegeben. Und diese Hoffnung wirkt schon heute.


Viele Kinder haben in den vergangenen Wochen Regenbogenbilder gemalt und den Satz „Alles wird gut“ dazugeschrieben – ein Zeichen der Hoffnung sind diese Bilder. Nein, es ist noch nicht alles gut und für manchen von uns wird auch nicht mehr alles in diesem Leben gut – und doch dürfen wir Christen mit unseren jüdischen Geschwistern aus der lebendigen Hoffnung auf  Gott leben, der uns eine Zukunft und Leben verheißen hat, der ein Gott des Lebens ist und Leben schenkt, und bei dem einmal alles gut sein wird.  


Und so lädt er uns ein, immer wieder aufs Neue Vertrauen zu wagen und an der Sehnsucht festzuhalten - und der Gewissheit, dass er gegenwärtig, da ist und es gut mit uns meint – und möge noch so viel unserem Vertrauen entgegenstehen.



Ich werde anders glauben, anders leben, anders hoffen, wenn ich mich von Gottes Liebe getragen weiß, wenn ich meinen Blick auf die Zukunft, die er schenkt, richte – eine Zukunft, die uns auch über Krisen, Not und Tod hinaus verheißen ist – und wenn ich mein Leben in seinen Händen weiß und meinen Blick auch darauf richte, worüber ich trotz allem staunen kann, was mir trotz allem gegeben und geschenkt ist – beispielsweise jetzt im Mai die wunderschöne Natur, wie sie im Lied „Wie lieblich ist der Maien“ (EG 501) besungen wird.
Ich werde mit diesem Blick, mit diesem Vertrauen Elend und Nöte nicht einfach wegreden, Gefahren nicht beschönigen, werde meinen Blick nicht wegwenden vom Elend anderer, nicht vom Elend in anderen Teilen unserer Erde.


Zugleich will ich an der Hoffnung festhalten und darauf vertrauen, dass der Geist Gottes meiner Schwachheit aufhilft  – und dass er mich auch durch Krisenzeiten trägt, mir Halt gibt und mich auch immer wieder zum Staunen bringt und mich dankbar sein lässt für das Gute, das mir widerfährt im Leben. 


Amen.



Bleiben Sie behütet! Ihre Pfarrerin Ursula Lochstampfer

 


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